Das menschliche Haupthaar wurde in früheren Zeiten zum persönlichen Andenken an einen bestimmten Menschen, indem es zu kostbarem Schmuck und wertvollen Haarbildern verarbeitet wurde. Jeden Betrachter erstaunt die Vielfalt und der Ideenreichtum, den die Künstler und Künstlerinnen dabei in liebevoller Kleinarbeit umsetzten. Die zeitliche Blüte dieser Kunstwerke lag vor allem im 19. Jahrhundert, der Zeit des ausgeprägten Freundschaftskultes und der Neigung zur Empfindsamkeit.
Die Vielfalt der Kunstwerke reicht von Ohrringen, Armbändern, Fingerringen, Broschen, Halsketten bis hin zu großen Haarbildern. Diese wurden in teilweise heute nicht mehr unbekannten Klöppel-, Flecht- und Klebetechniken gefertigt. Die Zeugen dieser heute fast vergessenen Kunst wurden zu einer Sammlung zusammengetragen und erstmals in einem Buch abgebildet. Ergänzt werden die vielfarbigen Darstellungen durch ausführliche Beschreibungen der Techniken und Erläuterungen zum geschichtlichen Hintergrund. Auch die Leser, die sich erstmals mit diesen Kunstwerken auseinandersetzen, werden die Faszination spüren, die die Abbildungen und Texte der Autoren wiederspiegeln.



Einführung

Seit altersher wurde das menschliche Haupthaar als so kostbar empfunden, dass man es zu wertvollen Schmuckstücken oder Wandbildern verarbeitet hat. Das menschliche Haar wird zum persönlichen Andenken, weil es von einem bestimmten Menschen stammt. Immer wieder erstaunt die Vielfalt und der Ideenreichtum, der sich in den Bildern und dem Haarschmuck wiederspiegelt. Fertigten doch Perückenmacher, Näherinnen in Heimarbeit und Novizinnen in den Klostern immer neue Motive.
Auf den ersten Blick ist für den Laien kaum zu erkennen, dass es sich bei den Kunstwerken um den Werkstoff Haar handelt. Für Frauen wurden Ohrringe, Armbänder, Fingerringe, Broschen und Halsketten in den feinsten Mustern gewebt, geflochten oder geklöppelt und dann in Gold gefasst.
Durch eine spezielle Ziehharmonika-Technik sind die Armbänder auf fast ihre doppelte Breite dehnbar. Meistens wurden sie mit Haarblütenrosetten verziert. Die bis zu 180 cm langen Halsketten wurden häufig 4-lagig um den Hals getragen. Daran hing eine zierliche Damenuhr oder ein goldenes Medaillon. Die Medaillons beinhalteten neben Bildern von geliebten Menschen deren kunstvoll gelegte Haarlocke.
In England trugen die Frauen während der viktorianischen Zeit häufig so genannte Memory-Broschen. Diese bestehen außen (oder auf der einen Seite) aus Gold. Innen (oder auf der anderen Seite) enthalten sie schwarz emaillierte Flächen, auf denen die Haarsträhne, hinter Glas geschützt, zur Erinnerung an eine verstorbene Person als so genannte Prince-of-Wales-Locke gelegt ist. Der meiste heute erhaltene Haarschmuck sind Herrenuhrenketten in den mannigfachsten Ausführungen. Die Herren trugen üblicherweise ihre Taschenuhren an Ketten, die aus Haaren gefertigt wurden. Die Haare stammten von der Ehefrau oder der Verlobten. Dies belegt wiederum den Symbolwert. Die zeitliche Blüte des Haarschmucks ist vor allem das 19. Jahrhundert mit seinem ausgeprägten Freundschaftskult und der Neigung zur Empfindsamkeit.
Eine weitere Besonderheit, Haare zu Kunst zu verarbeiten sind Haarbilder. Mit unterschiedlichen Haarfarben und -formen wurden stilisierte Blüten, Knospen und kleine Blätter zu ganzen Blumenranken verarbeitet. Auch hier fasziniert der Ideenreichtum. Unglaublich erscheint die Feinheit der Verarbeitung in Stecknadelkopf-Größe. Teils sind diese zusätzlich mit kleinen Glasperlen und Gold- oder Silberdrähten verziert. Diese Haarbilder sind in kostbaren, z.T. geschnitzten und vergoldeten Rahmen zu bewundern.



Zur Bedeutung des menschlichen Haares

Die besondere Wertschätzung verdankt das Haar den Vorstellungen um die ihm innewohnenden Kräfte. Das Kopfhaar gilt als Sitz der Lebenskraft; mit dem Abschneiden der Haare verliert man diese Kraft und gibt sich in die Gewalt und Obhut desjenigen, in dessen Besitz sie gelangen.



Haare als Kunstobjekt

Mit dem Begriff Schmuck wird in der Regel besonders kostbares Material assoziiert. Dass auch menschliches Haar zu "wertvollen" Schmuckstücken oder Haarbildern verarbeitet werden kann, liegt sicherlich in der aufwendigen Verarbeitungstechnik, in erster Linie aber am Symbolwert des verwendeten Materials. Aus Musterbüchern des 19. Jahrhunderts konnten künstlerische Haararbeiten wie Ketten, Broschen, Ringe und Diademe, die aus menschlichem Haar geklöppelt und schlauchförmig zusammengeflochten sind, erlernt werden. Die Haare von lebenden oder verstorbenen Angehörigen fanden ihren Platz als Erinnerungsbild oder Wandschmuck.



Herstellung und Verbreitung des Haarschmucks

Menschliches Haar wurde vom ausgehenden 18. bis ins beginnende 20. Jahrhundert hinein zu Bildern und Schmuck verarbeitet. Erste Zeugnisse für Schmuck aus Haaren gibt es bereits aus dem 16. Jahrhundert. Die Blütezeit dieser Kunstrichtung war das Biedermeier, das "Zeitalter der Empfindsamkeit", mit seinem ausgeprägten Freundschafts- und Andenkenkult. Als Ursprungsland des Schmucks aus Haaren gilt allgemein das viktorianische England. Diese Kunst verbreitete sich dann auf Nord- und Mitteleuropa. Bei den Haararbeiten unterscheidet man zwischen Liebesgaben, Geschenken und Schmuck anlässlich Freundschaft, Verlobung, Hochzeit, sowie Erinnerungsbildern, Erinnerungsblättern in Poesiealben und Totengedenkbildern. Zum Andenken wird das aus Haaren hergestellte Schmuckstück oder Bild in erster Linie dadurch, dass es aus den Haaren eines bestimmten Menschen hergestellt wird; erst damit erhält es den Charakter einer "Freundschaftsreliquie". Die Hersteller waren Frauen in Handarbeitskreisen, Klosterfrauen, Friseure, Perückenmacher und Näherinnen als so genannte Haarkünstler oder Haarbildner.



Pars pro toto

Haare als "pars pro toto" – das Kopfhaar als Sitz der Lebenskraft – wurden kunstvoll arrangiert und das Gebinde als wertvolles Andenken über den Tod hinaus aufbewahrt. Schrieb man ein Gedicht, wurde ein "Stück von sich selbst" in Form einer Locke oder eines schlichten Haarkranzes hinzugefügt. Im viktorianischen England wurden Memory-Broschen getragen. Sie waren aus Gold, schwarz emailliert und hinter Glas lagen die Haarsträhnen zur Erinnerung an verstorbene Personen in sogenannten "Prince-of-Wales-Locken". Königin Viktoria selbst pflegte nach dem Tode ihres Gatten Albert diese Sitte. Arbeiten aus Haaren wurden auch anlässlich von Verlobung, Hochzeit oder Kindestaufe angefertigt. Die Hersteller waren Frauen in Handarbeitskreisen, Klosterfrauen, Friseure, Perückenmacher und Näherinnen, die teilweise in Heimarbeit die Werke herstellten.



Erinnerungsbilder aus Haaren

Neben den Schmuckstücken aus Haaren von 1790 bis 1910 sind besonders viele Bilder überliefert, deren Motive aus menschlichem Haar hergestellt wurden. Diese Haarbilder zierten zur Erinnerung an lebende oder verstorbene Familienmitglieder und Freunde, aber auch zum Andenken an bestimmte wichtige Ereignisse im Leben eines Menschen - etwa die Hochzeit oder der Eintritt in ein Kloster – die Wände der bürgerlichen Wohnstuben. So war beispielsweise in einigen Gegenden im 19. Jahrhundert die Anfertigung von Brauttafeln üblich. Diese enthielten zumeist die Geburts-, Verlobungs- und Heiratsdaten des Brautpaares. Verwendung fand häufig auch der aus Haaren gefertigte Brautkranz der Braut.




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